Rezension Hermann Scheer: „Solare Weltwirtschaft“
Scheer startet sein Buch mit einer Bestandsaufnahme, indem er die bisherigen Konzentrations- und Monopolisierungsbewegungen im Energiesektor nachzeichnet und auch beleuchtet, warum es eine enge Verflechtung zwischen Stromindustrie und chemischer Industrie gibt. Konzentration wird dabei als unausweichliche Bestrebung des Systems beschrieben, das nach immer höherer Effizienz strebt und dabei alle Faktoren zerstören muss, die diese Stoßrichtung gefährden.
Scheer räumt auf mit der lobbyistischen Behauptung, daß der Energiebedarf der kompletten Menschheit nicht mit Sonnenenergie gedeckt werden könne.
Durch seine genaue Analyse der Wege, die fossile Energie von der Förderung als ersten Schritt bis zur Lieferung von Energie beim Verbraucher zurücklegt, wird klar,
daß die oft vorgebrachte höhere Wirtschaftlichkeit von fossiler Energie im Vergleich zu Energie aus erneuerbaren Quellen ein Irrtum ist.
"Ein Umdenken hin zu erneuerbaren Energien verhindern bis heute die maßgeblichen Entscheidungsträger, die eingebettet sind in das Interessengeflecht der fossilen Ressourcenwirtschaft, (..)"
Scheer zeichnet ein apokalyptisches Bild des unausweichlich drohenden Untergangs, wenn nicht sofort die Weichen für ein Umdenken in der Energiepolitik gestellt werden:
rasant steigende Energiepreise, blutige Konflikte um die letzten Reserven, explosionsartig ansteigende Arbeitslosenzahlen und politisches Chaos. Und das alles bereits in kaum mehr als 20 Jahren !!
Angesichts der Tatsache, daß die Öl- und Gasreserven zwischen 2030 und 2040 aufgebraucht sein werden, ist die Untätigkeit der Regierungen im Bemühen um alternative Ansätze unerklärlich. Wer genau hinsieht,
erkennt, daß die ersten Auswirkungen schon zu beobachten sind.
Scheer belegt anhand von Beispielen, wie schon heute unter dem kaum verhüllenden Deckmäntelchen von "humanitären" NATO-Einsetzen die Auseinandersetzungen um die letzten Tropfen Öl oder Wasser längst begonnen haben. Während die "entwickelten" Staaten nun die Rechnung für ihre Konzentration auf fossile Energieträger bekommen, tappen weite Teile der "Entwicklungs-" und Schwellenländer in die gleiche Falle: da sie von Rohstoffimporten fossiler Energieträger abhängig sind, fressen die Ausgaben dafür den größten Teil der Etats auf. Das Geld, was dort dann fehlt, kann nicht in die wirklich nachhaltige Entwicklung der Länder investiert werden.
Mittlerweile ist der Strommarkt in Deutschland liberalisiert und die Verbraucher haben die Möglichkeit einer Abstimmung mit den Füßen zugunsten der "kleinen" Stromanbieter, die das zentralistische System der Oligarchie in Deutschland ankratzen.
Scheer bleibt jedoch nicht stehen bei einer Analyse der Mechanismen auf dem liberalisierten Märkten. Als Wirtschaftswissenschaftler rechnet er die Kostenvorteile der regenerativen Energien vor, und entlarvt die Wirtschaftlichkeitsrechnungen von Atomreaktoren als mangelhaft,
da sie eigenverursachte Kosten auf die Volkswirtschaft abschieben, und sich so die Hände reinwaschen.
Die etablierten Energiegroßanbieter fürchten also aus gutem Grund die Möglichkeit einer Wende im Energiemarkt. Daher versuchen sie, selbst auf den Zug aufzuspringen, der in Richtung der erneuerbaren Energien fährt. Dahinter stehen aber lediglich Imagegründe und nicht etwa ein echtes Interesse an einem Umdenken,
das ihr eigenes Bestehen gefährden würde. Gegen Überlegungen zur grundsätzlichen Infragestellung der fossilen Energieversorgung setzen sie daher immernoch auf das System der Desinformation:
"Die Menschen sollen denken, gegenwärtig noch nicht überwindbare technische oder wirtschaftliche Gründe sprächen gegen eine rapide eingeleitete Energiewende, damit sie den gegebenen Zustand trotz aller Einsicht in die daraus erwachsenden akuten Gefahren tolerieren."
Scheers Gegenentwurf sieht eine weitgehende Dezentralisierung der Energieversorgung vor. Damit fallen die teuren Transport- und Umwandlungsketten der fossilen Brennstoffe und der Atomenergie weg oder werden sehr verkürzt. Energie wird lokal erzeugt und lokal verbraucht.
Ein solches Konzept würde die Abhängigkeit gegenüber den großen Energielieferanten beenden. Diese Strategie ist auch für Schwellen- und Entwicklungsländer denkbar, die einen großen Anteil ihrer Ausgaben für Energieeinkäufe ausgeben müssen - Geld, das dann in der nachhaltigen Entwicklung dieser Länder fehlt.
Für die Energiekonzerne ein worst-case-scenario.
In diesen Tagen gibt es fast täglich Horromeldungen, die belegen, wie verantwortungslos besonders mit den Hinterlassenschaften der Kernenergie umgegangen wird. Der Filz der Energieerzeuger ist undurchsichtig, Atommüll wird an der Öffentlichkeit vorbei über Tausende von Kilometern durch Europa gekarrt, und nicht nur in Sibirien unter freiem Himmel gelagert. Aber auch die Lagerung unter Tage kommt nicht voran. Die strahlenden Abfälle haben teilweise eine Halbwertszeit von vielen Millionen Jahren, eine Dauer, die menschliche Vorstellung völlig überfordert und der technologisch auch kein Werkstoff als Sarkophag gewachsen ist. Diese Technik ist nach wie vor nicht beherrschbar.